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    Aktien & ETF: Was ist jetzt zu tun?

    Der Krieg in der Ukraine und auch die damit verbundene Unsicherheit und fallenden Kurse an den Aktienmärkten belastet aktuell viele Anleger. Heute möchte ich auch auf ein paar Fragen und Fehler eingehen, die Anleger in den vergangenen Tagen gemacht haben, und zeigen, wie ich mich in dieser Situation verhalte.

    Die Bilder vom Krieg in der Ukraine, von Menschen, die aus ihrer Heimat fliehen müssen, die verletzt werden und nicht wissen, ob sie im Bombenhagel den nächsten Morgen erleben – wenn man solche Bilder sieht, rückt das Thema Finanzen und Börse in den Hintergrund. Es fällt schwer, darüber zu schreiben und zu sprechen. Ich möchte im Folgenden ein paar Aspekte ansprechen, die mir in den letzten Tagen aufgefallen sind.

    Die Rede von Bundeskanzler Olaf Scholz am vergangenen Sonntag dürfte als einer der großen Momente in die deutsche Geschichte eingehen. Scholz verkündete unter anderem den Bundeshaushalt 2022 mit einem Sondervermögen von 100 Milliarden Euro für Rüstungsausgaben auszustatten und künftig zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts in die Verteidigung zu investieren. Kurz darauf ging im Internet eine lebhafte Diskussion los, welche Unternehmen von diesen Ausgaben künftig profitieren könnten. Den moralischen Aspekt eines Investments in Rüstungsaktien muss jeder selbst mit sich und seinem Gewissen ausmachen – hier hat jeder seinen eigenen Kompass. Schnell wurden in den Diskussionen zwei Werte genannt: Rheinmetall und Hensoldt.

    Aktie von Rheinmetall am 28.02.2022, Quelle: comdirect.de

    Schauen wir uns mal an, was am Montag dann passiert ist: In den ersten Minuten des Handels auf Tradegate schoss der Kurs von Rheinmetall bis auf 180 Euro hoch. Vortagsschluss auf Tradegate war 108,95 Euro. Dazu muss man wissen, dass auf Tradegate vor allem Privatanleger agieren und erst ab 9:00 Uhr, wenn Xetra aufmacht, die meisten Profis am Werk sind. Die Privatanleger haben die Kurse also auf völlig unrealistische Level getrieben. Wer gierig agiert hat, war nach etwas mehr als einer Stunde im Extrem fast 28 Prozent hinten gelegen.

    Aktien von Hensoldt am 28.02.2022, Quelle: comdirect.de

    Ähnliches Bild bei Hensoldt. Kurz nach der Eröffnung erreichte die Aktie ein Hoch von 33 Euro, um knapp zwei Stunden später auf ein Tagestief von 20,10 Euro zu fallen. Am Freitag hatte Hensoldt noch mit 15,12 Euro geschlossen.

    In beiden Fällen haben also Anleger für ihre Gier und auch für ihre mangelnden Finanzmarktkenntnisse einen teuren Preis bezahlt. Was können wir daraus lernen? An der Börse gewinnt oft der, der seine Investments gut durchdenkt und sich mit der Firma beschäftigt, und nicht immer der Schnellste. Zudem ist es nicht immer klug, außerhalb der Kernhandelszeiten des Heimatmarkets zu handeln.

    Letzteres mussten einige Anleger auch auf der Gegenseite erfahren, als sie am Montag, 21. Februar 2022, dem Tag, an dem Wladimir Putin die Donezker und Luhansker Volksrepubliken anerkennt hat, Aktien verkaufen wollten, und die Aktienkurse in den Keller gerauscht sind. An diesem Tag war in den USA die Börse geschlossen – es wurde der Presidents Day, der Geburtstag von Georg Washington, gefeiert.

    Kurs von Alphabet (A-Aktie) an der Börse Tradegate vom 21.02. bis 04.03.2022, Quelle: comdirect.de

    Anleger haben an diesem Tag panisch Wertpapiere verkauft, unter anderem auch die großen US-MEGA-Caps wie Alphabet. Der Makler hat auf das starke Angebot und die mangelnde Möglichkeit, sich zu hedgen, mit immer tieferen Kursen reagiert. So wie Alphabet standen am Abend des 21. Februars die Aktien vieler großer US-Gesellschaften teilweise mit zehn Prozent und mehr im Minus. Auch das hatte wenig mit realen Marktpreisen zu tun. Als die US-Börse am Dienstag aufgemacht hatte, eröffnete Alphabet sogar unverändert.

    Panik und Gier sind schlechte Ratgeber. Hektischer Aktionismus bringt nichts. Nichtstun ist in diesen Situationen oft das Beste. Jetzt erleben wir ein Phase, die letztendlich dafür verantwortlich ist, dass man am Aktienmarkt Geld verdient: Schwankungen und Unsicherheit gehören dazu. Genau aus diesem Grund gibt es am Aktienmarkt höhere Renditen als beispielsweise bei Staatsanleihen oder Tagesgeld.

    Nichtstun funktioniert vor allem dann gut, wenn man vorher seine Hausaufgaben gemacht hat. Asset-Allokation und Diversifikation sind extrem wichtig. In dem Beitrag zur Asset-Allokation, den ich vor knapp zwei Jahren veröffentlicht habe, habe ich erklärt, warum ich Asset-Allokation über alle Lebensbereiche hinweg sehe und deshalb keine Aktien aus Russland habe. In meinem Auktionshaus erziele ich einen größeren Teil der Umsätze mit Kunden aus Russland und der Ukraine. Wenn die Wirtschaft und Börse dort gut laufen, steigt die Nachfrage nach alten Sammlerstücken regelmäßig an. Läuft es dagegen wirtschaftlich schlecht, gehen die Auktionserlöse zurück. In Zukunft dürfte es hier merkliche Umsatzrückgänge für mich geben. Abgesehen davon habe ich in den vergangenen 15 Jahren zu vielen Kunden aus beiden Ländern einen guten persönlichen Kontakt aufgebaut.

    Zurück zum Investieren: Viele Anleger fragen sich, was nun mit ihren russischen Aktien, ETFs und Fonds geschieht. Aktueller Stand ist, dass der Handel russischer Wertpapiere in Moskau sowie meines Wissens auch an den anderen Börsen ausgesetzt ist. Folglich können für ETFs und Fonds, in denen diese Wertpapiere enthalten sind, keine Kurse berechnet werden. Hier ist der Handel ebenfalls ausgesetzt. Das bedeutet nun nicht zwangsläufig, dass es bei allen russischen Aktien oder ADRs auf Aktien zu Totalverlusten kommt, wenn auch die Gefahr recht hoch ist. Denn neben der rein wirtschaftlichen Perspektive vieler russischer Firmen nach den Sanktionen droht auch von Seiten Russlands die Enteignung ausländischer Investoren. Außer abzuwarten bleibt Anlegern hier aktuell nichts übrig.

    Nachfolgend noch ein paar Hinweise, die für alle, die dennoch den Drang verspüren, etwas an ihrem Depot zu machen, wichtig sind. In Phasen hektischer Kursentwicklungen ist es sehr ratsam zu limitieren. Der Spread, also die Differenz zwischen An- und Verkaufskurs, weitet sich in solchen Phasen schnell aus, und es gibt oft von einem auf den nächsten Kurs Kurssprünge. Das schützt vor unliebsamen Überraschungen.

    Auf eine Falle beim Analysieren von Wertpapieren möchte ich Euch noch hinweisen: Viele Anleger nutzen Aktienscreener. Bei Werten, die massiv abgestürzt sind, ergeben sich nun extrem hohe Dividendenrenditen oder niedrige Kurs-Gewinn-Verhältnisse (KGVs). Hinterfragt diese Zahlen! Es gibt Gründe, warum bei einigen Werten die Kurse massiv abstürzen. Vielleicht bricht ein Teil des Geschäftes künftig weg, sind Abschreibungen notwendig, muss die Dividende ganz gestrichen werden, etc. Schätzungen werden hier viel langsamer geändert als es die Kurse tun, daher kommt es hier zu meiner Meinung nach nicht brauchbaren Ergebnissen.

    Einige Anleger haben zudem in den vergangenen Tagen Diskussionen angestoßen, ob man nicht Sparpläne auf Aktien und ETFs jetzt stoppen soll. Hier habe ich eine klare Meinung: Ihr habt Euch beim Abschluss des Sparplans langfristiges Investieren vorgenommen, dann zieht es jetzt auch durch! Sinn und Zweck von Sparplänen ist es, im Laufe der Zeit Positionen in Aktien und ETFs aufzubauen, und es gibt keinen Grund (sofern Euch nicht die Quelle, mit der Ihr den Sparplan finanziert, wegbricht) diesen zu stoppen.

    Die aktuelle Situation erinnert mich an zwei ähnliche Perioden in der Vergangenheit: Im August 1991 als der Putsch gegen Michail Gorbatschow stattfand und an die Zeit nach dem 11. September 2001. 1991 hat sich die Situation sehr schnell geklärt und die Märkte konnten zur Tagesordnung übergehen. Anders war es 2001: Die Angst vor islamistischen Terroranschlägen hat Bevölkerung und Investoren länger belastet. Wie es diesmal ausgehen wird: Ich weiß es nicht und ich glaube auch, dass das niemand wirklich mit Gewissheit sagen kann. Zu viel hängt davon ab, wie sich die Situation in der Ukraine entwickelt. Hoffen wir vor allem im Sinne der dort lebenden Menschen auf das Beste.

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