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    Vorzugs- oder Stammaktie – mit Praxisbeispielen BMW, Henkel, VW, Fuchs Petrolub, Sarotrius und Sixt

    Wenn Anleger den Namen eines Unternehmens in die Suchmaske des Brokers eingeben, sind sie oft verwirrt, da es plötzlich mehrere Treffer mit unterschiedlichen Kursen gibt. Von einigen deutschen Gesellschaften gibt es sowohl Stammaktien als auch Vorzugsaktien. Heute erkläre ich den Unterschied zwischen den beiden Aktiengattungen und zeige bei den bekanntesten deutschen Firmen, womit die Unterschiede bei den Kursen begründet werden.

    BMW, Henkel und auch Sixt haben sie: Vorzugsaktien. Während noch vor 30 Jahren sehr viele deutsche Firmen mit zwei Aktiengattungen an der Börse vertreten waren, hat sich ihre Anzahl zuletzt merklich reduziert. Doch immer noch gibt es einige, auch große, Firmen, die sowohl Stammaktien als auch Vorzugsaktien an der Börse gelistet haben.

    Was ist der Unterschied zwischen Stammaktien- und Vorzugsaktien?

    Vorzugsaktien haben, anders als Stammaktien, in der Regel kein Stimmrecht auf der Hauptversammlung des Unternehmens. Um diesen Nachteil auszugleichen, bekommen Vorzugsaktionäre in der Regel eine etwas höhere Dividende (Dividendenvorrecht) oder haben ein Nachbesserungsrecht, wenn die Dividende ausgefallen ist. Es gibt aber auch Varianten, bei denen Anlegern ein Vorrecht beim Liquidationserlös eingeräumt wird. Wie diese Vorrechte bei einer Gesellschaft aussehen, ist jeweils in der Satzung der Gesellschaft festgelegt. Was in Deutschland – im Gegensatz zum Ausland – aufgrund des § 12 Aktiengesetz nicht geht, ist Vorzugsaktien mit einem Mehrfachstimmrecht auszustatten. Umgedreht ist hingegen die stimmrechtslose Vorzugsaktie die am häufigsten anzutreffende Variante: Bei ihr verzichten die Vorzugsaktionäre auf ein Stimmrecht, bekommen im Gegenzug eine höhere Dividende oder ein Nachbesserungsrecht.

    Warum geben Unternehmen Vorzugsaktien aus?

    Aus Unternehmenssicht gibt es vor allem einen Grund für die Ausgabe von Vorzugsaktien: Oftmals möchte der Gründer oder die Gründerfamilie die Kontrolle über ein Unternehmen behalten, aber dennoch Kapital in Form von Eigenkapital am Aktienmarkt holen. Dann bietet sich die Ausgabe von Vorzugsaktien an. Das Aktiengesetz erlaubt es, bis zur Hälfte des Grundkapitals stimmrechtslose Vorzugsaktien auszugeben. So reicht es einem Unternehmensgründer de facto, 25 Prozent des Grundkapitals (50 Prozent der Stammaktien) zu besitzen, um weiter die komplette Kontrolle über „sein“ Unternehmen zu behalten.

    Warum ist mal die Stammaktie, mal die Vorzugsaktie teuer?

    Welche Aktiengattung teurer und welche günstiger ist, lässt sich nicht pauschal sagen. Hier muss man jedes einzelne Unternehmen betrachten und auch für sich selbst Überlegungen anstellen, was für einen selbst interessanter ist. So kann beispielsweise ein Großaktionär einen hohen Anteil an den Stammaktien halten, während die Vorzugsaktien alle im Streubesitz, also auf viele Aktionäre verteilt, sind. Werden nun bei der Berechnung eine Indexgewichts die Vorzugsaktien als Maßstab genommen, investieren alle Fonds in die Vorzugsaktien und die Stammaktien führen ein Schattendasein. Umgedreht können aber auch die Stammaktien deutlich teuer sein, wenn beispielsweise die Chance besteht, dass die Firma in naher Zukunft übernommen wird oder es einen Übernahme-Interessenten gibt. Daher schauen wir uns im folgenden Mal ein paar Stamm- und Vorzugsaktien konkret an.

    Der Abschlag der Vorzugsaktien von BMW gegenüber den Stammaktien beträgt rund 22 Prozent. Quelle: www.comdirect.de

    DAX-Wert #1: BMW

    Beim Bayerischen Autobauer BMW kosten die Vorzugsaktien mit 46,44 Euro aktuell rund 22 Prozent weniger als die Stammaktien (59,38 Euro). Zwar haben Stefan Quandt (17,64 Prozent) und Susanne Klatten (12,75 Prozent) weiterhin große Anteile an BMW, aber es stehen nur sehr wenige Vorzugsaktien aus: 56,87 Millionen Stück im Vergleich zu 602 Millionen Stammaktien. Daher sind die BMW-Stämme im Deutschen Aktienindex DAX vertreten. Diese Indexaufnahme führt dazu, dass die Stammaktien mit Aufschlag gehandelt werden. Die Vorzugsaktionäre erhalten marginale 2 Cent mehr an Dividende als die Inhaber von Stammaktien. Das ist nicht viel, aber da das gebundene Kapital ja um 22 Prozent niedriger ist, ist die Dividendenrendite entsprechend höher. Im Verlauf der letzten Jahre hat sich der Abstand zwischen beiden Aktiengattungen wieder ausgeweitet. Da zudem nicht auszuschließen ist, dass die Vorzüge irgendwann komplett vom Kurszettel verschwinden und in Stammaktien getauscht werden, dürfte die Vorzugsaktie aktuell die attraktivere Aktie sein.

    Bei Henkel sind die Vorzugsaktien immer etwas teurer als die Stammaktien, da die Vorzüge im DAX enthalten sind.

    DAX-Wert #2: Henkel

    Beim Waschmittel- und Konsumgüterkonzern Henkel ist es genau umgedreht: Die Vorzugsaktie ist hier mit 86,30 Euro rund 12 Prozent teurer als die Stammaktie. Die Vorzüge haben kein Stimmrecht, sind aber mit einem Dividendenvorzug von 2 Cent je Aktie ausgestattet. Wird der Vorzugsbetrag in einem Jahr nicht oder nicht vollständig gezahlt, so ist der Rückstand (ohne Zinsen) aus dem Bilanzgewinn der folgenden Geschäftsjahre nachzuzahlen. Die Vorzugsaktionäre erhalten zudem das Stimmrecht für die Zeit, bis die Rückstände nachgezahlt sind. Der Aufschlag für die Vorzugsaktie kommt allerdings nicht von dem mickrigen Dividendenaufschlag, sondern daher, dass 61,02 Prozent der Stammaktien (insgesamt 259,80 Millionen) sich im Besitz der Familie Henkel befinden, wohingegen alle Vorzugsaktien (178,16 Millionen) im Streubesitz sind und damit die Vorzugsaktien bei der Berechnung des DAX berücksichtigt werden. Aufgrund des Kursabschlags, der allerdings auch schon mal größer war, sollte die Stammaktie für Privatanleger das attraktivere Papier sein.

    Regelmäßig nähern sich die Kurse von Vorzügen und Stämmen bei VW wieder an.

    DAX-Wert #3: Volkswagen

    Beim Wolfsburger Autohersteller Volkswagen sind ebenfalls die Vorzugsaktien im DAX gelistet, und das, obwohl mit 206,2 Millionen Stücken weniger als Stämme (295,1 Millionen Stück) ausstehen. Doch die Stammaktien befinden sich auch bei Volkswagen zu einem überwiegenden Teil in festen Händen. Die Porsche Automobil Holding SE hält 53,1 Prozent der Stammaktien, das Land Niedersachsen besitzt 20 Prozent der Stammaktien und die Quatar Holding LLC nennt 17 Prozent der Stammaktien ihr Eigen. Lediglich 9,90 Prozent sind im Freefloat, daher ist die Stammaktie rund fünf Prozent teurer als die Vorzugsaktie, für die es sechs Cent mehr Dividende gibt. Da die Aktien in der Vergangenheit oftmals auf gleichem Niveau gehandelt wurden, dürfte die günstigere Vorzugsaktie aktuell attraktiver sein.

    Aktuell ist der Aufschlag für die Vorzüge von Fuchs Petrolub auf einem Rekordwert.

    MDAX-Wert #1: Fuchs Petrolub

    Beim Schmierstoffspezialisten Fuchs Petrolub wird die Vorzugsaktie mit rund 21 Prozent Aufschlag gegenüber der Stammaktie gehandelt, und das, obwohl Vorzugsaktionäre nur einen Cent mehr Dividende je Aktie erhalten. Aber der Grund für den Aufschlag ist auch hier das Listing der Vorzugsaktie im Index, dieses mal im Nebenwerte-Index MDAX. Denn 51,7 Prozent der insgesamt 69,6 Millionen Stammaktien liegen bei den Mitgliedern der Schutz­gemeinschaft Fuchs, während es 69,5 Millionen frei handelbare Vorzugsaktien gibt. Für Privatanleger, für die weder auf die höhere Liquidität der Vorzüge, noch auf die Indexzugehörigkeit (ETF-Fonds-Manager zum Beispiel) angewiesen sind, ist in diesem Fall die Stammaktie das interessantere Investment.

    Beim Börsengang der Stämme 2016 wurden die Vorzüge noch mit Abschlag gehandelt, heute mit einem Aufschlag.

    MDAX- und Tec-DAX-Wert #2: Sartorius

    Beim Pharma- und Laborausrüster Sartorius stehen auch die Vorzugsaktien im Rampenlicht, da sich alle 37,44 Millionen Vorzugsaktien im Streubesitz oder als zurückgekaufte Aktien im Bestand von Sartorius befinden, während bei den 37,44 Millionen Stammaktien gerade mal 2 Prozent im Streubesitz sind. Damit kommt auch hier die deutlich liquidere Vorzugsaktie in den MDAX und TecDAX. Für Privatanleger lohnt aber ein Blick auf die Stämme. Sie notieren rund 13 Prozent günstiger. Das sollte den minimalen Dividendennachteil von einem Cent ausgleichen. Zudem bekommen die Vorzugsaktien eine Garantiedividende von 3 Cent. Da die Stammaktie allerdings weniger liquide ist, solltet Ihr unbedingt limitieren, um nicht zu teuer zum Zug zu kommen.

    Der Abschlag der Sixt-Vorzugsaktie hat im Laufe der Jahre zugenommen.

    SDAX-Wert #1: Sixt

    Dass eine Aktiengesellschaft trotz eines starken Mehrheitsaktionärs mit den Stammaktien im Index vertreten ist, zeigt der Autovermieter Sixt. Zwar befinden sich nur 41,7 Prozent der 30,4 Millionen emittierten Stammaktien im Streubesitz, aber es stehen auch nur 16,6 Millionen Vorzüge aus. Da der Kurs der Stammaktien mit rund 84 Euro deutlich über dem der Vorzüge (54 Euro) liegt, ist hier für Privatanleger auch die nicht im Index enthaltene Gattung durchaus attraktiver. Dividende gibt es im Moment allerdings nur für die Vorzugsaktien: Aufgrund der Corona-Krise wurde für das Jahr 2019 die Dividende für die Stammaktien gestrichen. Inhaber der Vorzugsaktien erhalten die Mindestdividende von fünf Cent je Aktie. In normalen Zeiten erhalten sie zwei Cent mehr als die Inhaber von Stammaktien.

    Umwandlung von Vorzugs- in Stammaktien

    In den zurückliegenden Jahrzehnten hat die Anzahl der Firmen mit mehr als einer Aktiengattung abgenommen. Erst im Jahr 2019 hat der Stromkonzern RWE seine 39 Millionen stimmrechtslose Vorzugsaktien in Stammaktien umgewandelt. Im Zuge der Umwandlung erzielten die Vorzugsaktionäre im Verhältnis eins zu eins Stammaktien und erzielten so einen netten Zusatzgewinn, da die Vorzüge zuvor immer mit Abschlag gehandelt worden sind. Ein solcher Umtausch muss zum einen von der Hauptversammlung, bei der die Vorzugsaktionäre ja nicht abstimmen dürfen, aber auch von einer separaten Versammlung der Vorzugsaktionäre beschlossen werden. Nicht immer erfolgt ein Umtausch eins zu eins, es ist auch eine Zuzahlung möglich. Diese liegt dann aber meist deutlich unter der zuletzt an der Börse festgestellten Differenz zwischen beiden Aktiengattungen. Damit fahren langfristig orientierte Privatanleger in der Regel günstiger, wenn sie die günstigere der beiden Aktiengattungen kaufen. Einzig, wenn es zu einem Übernahmekampf um die betreffende Firma kommt, stehen die Stammaktien schnell im Rampenlicht, denn dann zählt für den Aufkäufer nur das Stimmrecht!

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